Die Fastenzeit

Die Fastenzeit

 

Liebe Brüder und Schwestern, wir befinden uns mitten in der Fastenzeit!

Als ich darüber nachgedacht habe, welchen Sinn wir darin finden, jedes Jahr dieselben Feste und Riten zu feiern, ist mir bewusst geworden, dass wir in dem hoffentlich noch langen Leben, dass uns bevorsteht, jedes Jahr ein Stück an uns arbeiten sollen.

Wir kommen nicht „fertig“ zur Welt, sondern wir „werden“, wir „wachsen“, wir „entwickeln uns“ und „wir reifen“!

Die größte Gefahr von uns Menschen ist zu denken, dass wir schon alles wissen und alles können. Deshalb brauchen wir immer wieder die Haltung des Vertrauens und die Bereitschaft uns überraschen zu lassen! Wir Menschen haben eine unglaubliche Merk- und Lernfähigkeit! „Wir bleiben ein Leben lang Lernende“, lautet ein altes Sprichwort. Und genauso geht es uns mit dem Glauben. Zuerst müssen wir uns einmal das Glaubenswissen aneignen und dann auch versuchen es in unserem Leben Schritt für Schritt umzusetzen. Sich das Glaubenswissen anzueignen ist einfach. Dies konnten auch die Pharisäer und die Schriftgelehrten sehr gut, welche Jesus wegen ihrer Scheinheiligkeit immer wieder rügte. Die Umsetzung dieses „Wissens“ und das Leben im Glauben ist dagegen viel schwerer, und leider bemühen sich auch nur wenige darum. In dieser Fastenzeit möchte ich deshalb besonders dazu einladen, sich einen konkreten Vorsatz zu nehmen, wo ich noch in meinem Glauben wachsen kann und möchte.

 

 

Freundschaft

 

Das Ziel des christlichen Lebens ist die Freundschaft mit Gott! Freundschaft zeichnet sich durch das gegenseitige Kennen und das gegenseitige Treu-Sein aus.

Nun kennt uns Gott durch und durch und er ist uns absolut treu! Wir kennen Gott nur wenig, sollen ihn aber immer besser kennen lernen. Da wir Menschen grundsätzlich wankelmütig sind, müssen wir diese Treue auch immer wieder neu von Gott erbitten. Es ist eine Lebensaufgabe.

 

Die Freundschaft zu Gott, so lehren uns die spirituellen Meister (Theresa von Avila, Johannes v. Kreuz u.v.m.) wächst durch das Gebet. Im Gebet begegnen wir Gott, und er gibt uns die richtigen Anweisungen und Impulse was wir tun sollen, damit wir ihn immer besser kennen lernen. Eine Gefahr kann darin bestehen, dass wenn man sich zu viel Wissen aneignet, man hochmütig wird und meint nur wegen dieses Wissens eine „großartige Gottesbeziehung“ zu besitzen. Eine andere Gefahr liegt darin, im Gebet, ohne das nötige „Glaubenswissen“, Dinge falsch einzuordnen und falsch zu interpretieren. Darum ist es, wie überall im Leben, notwendig das richtige Maß zu finden. Der heilige Benedikt empfiehlt seinen Mönchen deshalb: „ora et labora et lege – bete, arbeite und lies (studiere)“ Für ein gutes und vernünftiges „christliches Leben“ soll ein Gleichgewicht zwischen diesen drei Disziplinen herrschen.

 

Die Fastenzeit lädt uns auch dazu ein, dass wir uns wieder bewusst entscheiden, unsere „Einseitigkeiten“ auszugleichen. Wer zu wenig arbeitet, soll mehr arbeiten, wer zu wenig betet soll mehr beten und wer zu wenig über Gott weiß soll sich mehr mit den theoretischen Inhalten unseres christlichen Glaubens befassen.

Liebe Brüder und Schwestern, eines möchte ich uns allen in dieser Fastenzeit mit auf den Weg geben: Nehmen wir uns bewusst immer wieder Zeit für das freundschaftliche Gebet mit Gott!

Für Ignatius von Loyola, den Begründer des Jesuitenordens, war dieses persönliche Gebet die wichtigste Viertelstunde seines Tages. Es ist nicht schwer. Es ist wie es auch der heilige Klemens von Alexandrien ausdrückt eine einfache „Zwiesprache mit Gott“. Wichtig ist, sich einfach bewusst Zeit dafür zu nehmen. Das kann am Morgen nach dem Aufstehen sein, am Abend vor dem Schlafen gehen oder einfach mitten im Alltag. Wie wichtig das tägliche Gebet für uns ist brachte der Heilige Papst Johannes der XXIII. mit folgender Aussage zum Ausdruck: „Ein Tag ohne Gebet ist wie ein Himmel ohne Sonne, wie ein Garten ohne Blumen.“